Montag, 14. Mai 2012

Unaufgeregt, liberal. Notizen zur Neuen Zürcher Zeitung


Glück hat der deutsche Zeitungsleser, denn er kann auswählen aus einem einzigartigen Angebot an anspruchsvollen Tages- und Wochenzeitungen jeder politischer Couleur. Doch so stark und vielfältig die deutsche Zeitungslandschaft auch ist, so offensichtlich sind ihre Schwächen. Besonders auffällig treten sie zutage, wenn ein bestimmtes Thema für bundesweite Aufregung sorgt und eine regelrechte publizistische Hysterie auslöst.

In solchen Zeiten tut ein kühler, nüchterner Blick auf die Dinge not. Genau dies ist der Moment, sich der Neuen Zürcher Zeitung zuzuwenden. Diese in der Schweiz erscheinende, deutschsprachige Zeitung ist sehr international ausgerichtet, berichtet aber auch regelmäßig und ausführlich aus Deutschland. Der spezielle Blick, der der NZZ eigen ist, zeichnet sich durch eine kritisch-liberale Haltung gegenüber dem großen Nachbar aus. Auch in Fragen internationaler Politik verfolgt die NZZ eine gemäßigte, ausgewogene Berichterstattung.

Eine echte Perle ist das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung. Insbesondere Samstags, ergänzt durch das Ressort Literatur und Kunst, liefert es eine fundierte, stets relevante Kulturberichterstattung aus Deutschland, Europa und der Welt. Wohltuend hebt sich dabei das NZZ-Feuilleton, vor allem stilistisch, von den deutschen Redaktionen ab. Keinen Platz hat hier der im deutschen Feuilleton mittlerweile so verbreitete, flapsige Erlebnisbericht-Ton. Die auf solider Recherche basierende, gediegene Essayistik der NZZ sorgt dafür, dass man zumindest den Samstag gerne dieser Zeitung anvertraut.

Dienstag, 10. April 2012

Der Aufbau als eine Komödie

Bekannt ist Ephraim Kishon (1924-2005) in Deutschland, und beliebt, als Komiker, aber auch als jemand, der gebraucht wird - als jüdischer Komiker, wie Woody Allen auch. Um die Verehrung, die Kishon nur aus diesem einen Grund zuteil wurde, soll es hier aber nicht gehen.

Stattdessen schauen wir uns den 1964 enstandenen Film „Sallah – oder: Tausche Tochter gegen Wohnung“ an, bei dem er Kishon für die Regie wie auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete. Im Zentrum der Handlung steht eine kinderreiche sephardische (orientalische) jüdische Familie, die nach Israel einwandert, um sich ein neues Leben aufzubauen und zugleich auch, um den jungen jüdischen Staat aufbauen zu helfen. Der von Chaim Topol gespielte Patriarch Sallah Shabbati merkt, dass er es mit seiner Familie nicht lange im Aufnahmelager für Einwanderer aushalten kann, dazu verliebt sich auch noch ein Kibbuznik in Shabbatis Tochter. Schnell zeichnen sich kulturelle Konfliktlinien ab. Sallah Shabbatis traditionelle Denkweise kollidiert mit den progressiv - sozialistischen Strukturen des Kibbuz, wie auch mit den europäisch geprägten Verwaltungsstrukturen des jungen Staates. Es ist nicht auszuschließen, dass sich bereits hier die sich im heutigen Israel abspielende Auseinandersetzung zwischen Säkularen und Religiösen abzeichnet.

Überhaupt karikiert Kishon in diesem Film einige jüdische Strömungen und Gruppen. So weigert sich Salah Shabbati zum Beispiel ganz und gar, mit Frauen zu sprechen. Dem gegenüber stehen die bürokratischen und lebensfremden, weil zu zivilisierten Jeckes, die nach Israel emigrierten deutschen Juden. Amerikanische Juden erscheinen hingegen als zumeist wohlhabend und verwöhnt. Sie beteiligen sich vor allem finanziell am Aufbau des jüdischen Staates.

Kishon kann sich eine derartige Überzeichnung der Figuren zwar leisten, bloß fragt sich, inwieweit man den Film in dieser Form als für den deutschen Zuschauer - zumal der 1960er Jahre - geeignet einstufen kann. Der jüdische Witz, den Kishon in „Sallah“ entfaltet, verkommt beim antisemitisch schwer vorbelasteten deutschen Publikum schnell zum Judenwitz und die sympathische Unordnung der israelischen Aufbaujahre zu einem Zerrbild eines vermeintlich rückständigen Orients.

Jenseits solcher Fragestellungen haben wir es bei „Sallah“ aber immer noch mit einem wunderbaren, unbeschwerten Dokument der Jahre des Aufbruchs zu einem neuen jüdischen Gemeinwesen zu tun.

Dienstag, 13. März 2012

Offen für Israel

Als kalt und distanziert gelten die Deutschen manchmal und es scheint so, als würden sie zunehmend selbstbezüglich, verkrampft, wutbürgerlich. Wie erfreulich ist deshalb jede wahrnehmbare Ausnahme!

So zum Beispiel Katharina Höftmanns Band "Guten Morgen, Tel Aviv! Geschichten aus dem Holy Land". Erstaunlich ist dieses Debüt der jungen, 1984 in Ostdeutschland geborenen Autorin zu nennen. Man kann von einer Liebeserklärung an ein äußerst schwieriges Land sprechen. Viel erfahren wir darin über jüdisches Leben im Allgemeinen und seine israelische Ausprägung im Besonderen. Und wir merken, dass Höftmann, die mit ihrem israelischen Lebensgefährten in Tel Aviv lebt, sich nicht verschließt. Das Buch erzählt vielmehr von einer wunderbaren Öffnung einer jungen Frau zum Leben mit all seinen Risiken, Unwägbarkeiten und Verrücktheiten, die es aber erst als Solches spürbar machen. Katharina Höftmann stellt sich einem fremden Land und zeigt, wie produktiv die migrantische Situation sein kann.

Wir bewundern den Mut der Autorin und sind gespannt auf weitere lakonische und doch so intensive Geschichten aus dem israelischen Leben.

Katharina Höftmann: "Guten Morgen, Tel Aviv! Geschichten aus dem Holy Land" Als Taschenbuch erschienen bei Heyne.

Freitag, 24. Februar 2012

Jenseits von Leitkultur und bunter Republik. Zur Zukunft der Integration

Natürlich ist Christian Wulffs Rede von einer „bunten Republik Deutschland“ lau und kurzsichtig. Eine solche Rede kann es nur in einem Land geben, deren Eliten die Ignoranz mit Toleranz verwechseln und mangelndes nationales Selbstbewusstsein mit Aufgeklärtheit. Der momentane deutsche Integrationsdiskurs entlastet beide Seiten – Migranten wie Einheimische. Was im Diskurs nicht vorkommt, sind die Pflichten dieser beiden Seiten.

Fangen wir mit den Pflichten der Migranten an. Es reicht nicht, seine Herkunftskultur mitzubringen und im neuen Land weiterhin zu leben, als wäre nichts geschehen. Denn genau das meint die Rede von der bunten Republik – bleibt schön wie Ihr seid, wir wollen (oder können?) Euch nichts vorschreiben. Erfolgreiche Integration ist jedoch immer mit Verlust und Aneignung verbunden. Nur wer als Migrant bereit ist, aus dem Ghetto der Herkunft auszubrechen und sich intensiv der neuen Sprache, der Kultur, der Geschichte, der Mentalität des Aufnahmelandes zu widmen, kann überhaupt bestehen. Es geht hier nicht um Assimilation und auch nicht um vermeintlich totalitäre Vorschriften, sondern um das Verhalten in der Öffentlichkeit. Nur wer also bereit ist, Teile seiner Herkunft aufzugeben, sich zu öffnen, kann sich erfolgreich integrieren, und dabei übrigens auch die Einheimischen überflügeln, die keine Einwanderung - und somit auch keine Chance zum Neubeginn - durchlebt haben (Die ehemaligen DDR-Bürger ausgenommen).

Doch auch die Einheimischen haben einen großen Teil zum Gelingen der Integration beizutragen. Sie müssen vor allem einen Bewusstseinswandel durchmachen. Momentan verstehen sich die Deutschen mehrheitlich noch als eine Sprach- und Abstammungsgemeinschaft, als Volk. Sie sprechen von „ihrer“ Kultur, „ihrer“ Sprache, an die sich Migranten anzupassen („Leitkultur“) oder eben nicht anzupassen („Bunte Republik“) hätten. Damit verkennen die Einheimischen aber ebenfalls eine entscheidende Kategorie der Einwanderung: die Nation. Gemeint ist hier die Nation nicht als Volk, sondern als „Zukunftsgemeinschaft aller in ihren Grenzen lebenden und in ihre Grenzen einwandernden Personen“ (Micha Brumlik). Eigentlich gehören deutsche Sprache und Kultur niemandem, vielmehr gehören sie allen, sind Allgemeingut. Nation heißt nämlich, dass sich auch Einheimische integrieren müssen – indem sie zum Beispiel sich verpflichten, in der Öffentlichkeit Hochdeutsch zu sprechen, sich also ebenfalls von ihrer (regionalen) Herkunftskultur lösen. Denn: wir alle müssen noch Deutsche werden!

Integration wird jetzt schon zum Leitthema der kommenden Präsidentschaft des Joachim Gauck ausgerufen. Man darf gespannt sein, wie er mit diesem Thema umgeht. Es bleibt zu hoffen, dass Gauck, der selbst einen DDR-Migrationshintergrund hat, weder die "Leitkultur" noch die "bunte Republik" propagiert und sich stattdessen zu einer auf staatsbürgerliches Engagement und den offenen Begriff der Nation bauenden Integration bekennt.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Ein moderner Blick? Edvard Munch in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Das Bürgertum des Jahres 2012 ist, um zumindest für Deutschland zu sprechen, freundlich und aufgeklärt. Konstruktiv geht man an Probleme ran und liberal ist man zu großen Teilen eigentlich auch. Nicht so das aber Bürgertum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Es sind die Gemälde des Edvard Munch (1863-1944), die uns diese Erkenntnis verschaffen. Umheimlich sind die abgebildeten Szenen, voller latenter Gewalt. Munchs Figuren sind mal halb abwesend, mal schockiert oder in Trance. In seinen Innenräumen hört man die Holzdielen knarzen, in der nächtlichen Landschaft - das Rauschen des Weltalls und vielleicht hört man ab und an auch: Schreie.

Edvard Munch, so die Kuratoren der zuvor in Pariser Centre Pompidou gezeigten Ausstellung, sei ein genuin moderner, den technischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts zugewandter Künstler gewesen. Sicher stimmt diese These – doch ist es vor allem die dunkle, gemeine, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, über die wir hier sprechen. Nicht eben die zunehmend freundliche, weil amerikanisierte Welt nach 1945.

So dürfte Munchs unheimliche Moderne dem Bürgertum des Jahres 2012, das die Ausstellung anhand von Wandtexten und mithilfe eines Audioguides rational zu fassen versucht, glücklicherweise reichlich fremd bleiben.

Noch bis 13. Mai 2012 in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main